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Rückkehr zum SeeRückkehr zum See

 

 

 

 

 

Der Roman NANGIJALA umfasst 50. Kapitel. Sie finden hier kurze Leseproben aus:

  • Kapitel   1:  Der Briefumschlag
  • Kapitel   4:  Die Nachricht
  • Kapitel   5:  Die Wohnung
  • Kapitel   7:  Jan
  • Kapitel 12:  Das Internetcafe`
  • Kapitel 13:  Mama
  • Kapitel 19:  Das Konzert
  • Kapitel 26:  Das Arbeitsessen
  • Kapitel 27:  Schneeflocken
  • Kapitel 39:  Die Rückkehr zum See
  • Kapitel 43:  Neuwerk 
  •       Kapitel 46:  NANGIJALA

                                        Leseproben: 

 

(Aus Kapitel 1: Der Briefumschlag) …..Meine Große, wie ich sie spaßeshalber nannte. „Hör auf deine große Schwester, Pia, lass es dir gesagt sein.“ – Stella verstand es immer,  ihre guten Ratschläge lustig zu verpacken. Doch nie schwang ihre  Stimme mit dem gleichen Unterton. Sie konnte ihn beliebig variieren. Für Fremde nicht wahrnehmbar, doch für mich stets eindeutig. Ich brauchte sie noch nicht einmal anzusehen. Der Klang ihrer Stimme reichte aus, um zwischen den Zeilen alles herauszuhören, was ihr Innerstes mir mitteilen wollte. Es war eine Art Geheimsprache. Seelenwörter – lautete unser Ausdruck dafür. Seelenwörter, die mir Stellas Traurigkeit zeigten, auch wenn ihr Witz gerade eine ganze Geburtstagsparty zum Brüllen brachte. Die Seelenwörter waren für Außenstehende nicht hörbar. Sie gehörten nur Stella und mir. Sie waren unser Geheimnis.

Stella sorgte sich immer  um mich. Sie war völlig selbstlos ihrer kleinen Schwester gegenüber. Ihrer Schwester, der sie mehr vertraute als sich selbst. Unser Lebensbund – geknüpft für alle Zeiten. Unser Lebensbund, den niemand trennen konnte, seit wir das Licht dieser Welt erblickten. Stella, die Große, die Ältere, fünf Minuten vor mir.

Und nun war sie tot. Stella, mein Sonnenschein, konnte mich nicht mehr wärmen. Meine Sonne war untergegangen. Unwiderruflich.

  Ich war noch Lichtjahre davon entfernt, alles zu begreifen. Ich wollte es auch nicht. Der seelische Schmerz war so groß, dass es körperlich wehtat. Mein Herz kam mir vor wie von einer kalten, dunklen Faust gepackt. Rohe Finger, bereit sofort zu quetschen, nichts mehr übrig zu lassen von der früheren Leichtigkeit. Noch nie spürte ich mein Herz auf diese Weise. Den Pulsschlag an meinem Hals, der laut donnernd das Blut in meinen dröhnenden Kopf pumpte. Der Pulsschlag der mir seit vier Wochen nun schon meinen Schlaf raubte. Noch nie, bis zu dem Moment, als mein Handy klingelte, sonntags abends um neun.

  Ich wünschte mir, ich könnte die Zeit einfach zurückdrehen. Niemals mehr würde ich dann den Anruf entgegennehmen. Einfach auf lautlos drücken und das Handy wegschmeißen.

  Das habe ich auch getan. Es weggeschmissen. Dieses verdammte Ding. Unfähig es nochmals anzurühren. Ich wollte es schaffen. Ein Leben ohne Mobiltelefon.

  Mama überbrachte mir die Nachricht: „Pia“, sagte sie. Für alles Weitere gehorchte ihre Stimme nicht mehr. Der Teufel hatte ihr das Herz rausgerissen und es auf die Straße geschmissen. Er trampelte darauf rum, noch immer. Es war der Tag X, unser privates Armageddon. Ein emotionaler Overkill.

 Die Nachricht von Stellas Tod.

 Ein Motorradunfall. Eigentlich unspektakulär. Möhnestraße, die bekannte Sommerrennstrecke Richtung Stausee. Fast eine gewohnte Schlagzeile. Eine Überschrift bei der man leider oft, zu oft, einfach teilnahmslos weiterblättert.

 Weggerutscht, über die Straße geschliddert, an der Leitplanke hängen geblieben, Genick gebrochen. Kopf fast abgetrennt. Chancenlos. Sofortiger Tod.

 28 Jahre alt. Zu früh.

 Zu früh um zu gehen, zu früh um Good bye zu sagen. Kein letzter Gruß,  kein Abschiedskuss, kein letztes Lächeln. Es war uns noch nicht einmal vergönnt, uns an jenem letzten Tag noch einmal zu sehen. Nicht an ihrem letzten Tag, nicht an diesem Wochenende. Stella verbrachte es mit ihrem Freund Jan.

  Jan, der Fahrer, wurde schwer verletzt: Prellungen, Schürfwunden, das rechte Bein zertrümmert und verbrannt, große Stücke Fleisch weggeschmolzen unter einen glühend heißen Auspuff. Die Heilungschancen – unklar.  Jan lag  noch immer im  Krankenhaus. Von Amputation des Beines – oberhalb der Kniescheibe – wurde gemunkelt. Das wäre ein ewiger Makel für seinen Körper.

  Stella hatte man mir amputiert, ohne Ankündigung. Ein eigener ewiger Makel für meine Seele….

 

…..ich blickte auf Stellas Grab hinab. In einer kleinen Terrakottaschale hatte Mama einen  Buchsbaum gepflanzt. Sie wollte ihn später zu einem Herz schneiden. Mama sagte mir: „Ich habe mein Herz verloren,  und ich werde es so vielleicht wieder finden.“

  Ich betete dafür, dass ihr das gelang. Mama  verdiente es, Ihr Herz wiederzubekommen.

  Neben der Schale lag eine weiße Rose, quer über der Abdeckung. Ein neuer Anblick. Zumindest lag sie gestern noch nicht an dieser Stelle.  Das Wetter setzte  ihr  zu. Ihre Blüten kämpften mühsam dagegen an auseinanderzufallen. Der Regen zerstörte die Schönheit dieser Blume. An ihrem Stil war ein bereits völlig durchnässter Brief befestigt. Ein dunkelblauer Umschlag,  nicht das übliche Aussehen eines Trauerbriefes. Ich kniete mich nieder, nahm die Rose auf und löste das Befestigungsband.

  Ich steckte den Brief in meine Jackentasche und beschloss, ihn mit zu meinen Eltern zu nehmen. Mama heftete alle Trauergrüße in einem eigens dafür angelegten  Ordner ab. Zusammen mit meinem Vater saß sie fast täglich abends am Küchentisch und blätterte ihn durch, in der Hoffnung, durch die vielen Beileidsbekundungen Trost zu finden. Vielleicht gelang ihnen das sogar.

  In den letzten Tagen fanden wir immer wieder weitere Grüße auf ihrem Grab. Arbeitskollegen, Sportfreunde, frühere Klassenkameraden. Ausdruck für Stellas Beliebtheit. Es tat mir gut, dass die Menschen Anteil nahmen an Ihrem Tod. Es verdrängte für mich die  alptraumhafte Vorstellung des Vergessens. Die Zweifel saßen mir im Nacken. Würden Gedanken und Erinnerungen verblassen können? Irgendwann ganz verschwinden? Diese Vorstellung bereitete mir panische Angst.

  Mit dem Vergessen würde ich Stella endgültig verloren haben.

  Ich musste weinen. Meine Tränen vermischten sich mit den Regentropfen.

  Stella, Du fehlst mir doch so sehr.

  Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich diese Worte wirklich laut ausgesprochen habe. Ein Eichhörnchen schreckte mich auf. Es hüpfte an einer Hecken-Begrenzung entlang, direkt in meine Richtung. Es bewegte sich so schnell, dass  ich seinen Sprüngen kaum folgen konnte.

  Ein mächtiger Satz. Das Eichhörnchen landete auf Stellas Grab. Drei weitere Sätze. Und dann saß auf den untersten Geäst eines nah stehenden Baumes. Dort hockte es und schaute mich an. Es erschien mir völlig furchtlos. Das Tier wusste wohl, das ihm an diesem Ort von Niemandem Gefahr drohte. Es regte sich nicht mehr. Fast schien es so, als wenn es auf eine Reaktion von mir warten würde.

  „Kleiner Freund, kannst du mir helfen? Passt du auf meine Stella auf? Schaust du nach ihr in der Zeit, wenn ich nicht da bin? Ja? Ich bin Pia, Stellas Schwester. Verstehst du? Ich bin so allein. Ich fühl mich so allein, so unglaublich allein. Kennst du das Gefühl auch?“

  Es kam mir keineswegs albern vor, mich hier mit diesem Tier zu unterhalten. Es blieb ruhig sitzen und starrte zu mir hinüber, so als ob es jedes Wort verstehen könnte.

  „Bist du auch allein, oder hast du einen Partner hier in den Bäumen?

Bleib bei meiner Stella, bitte, leiste ihr Gesellschaft. Machst du das für mich? Ich kann nicht immer hier sein, erst morgen Abend bin ich wieder da. Was hältst du davon kleiner Kerl? Na, ist das ein Deal für dich?“  Ich streckte ihm meine Hand entgegen. Ich kann nicht erklären, warum ich das tat. In meinem Leben gab es weder einen besonderen Draht zu Tieren noch konnte ich irgendwelche Erfahrungen in dieser Richtung vorweisen. Vielleicht war es auch nur ein kindischer Reflex. Geboren aus einer Ohnmacht heraus. Geboren aus diesem erdrückenden Einsamkeitsgefühl. So ein kleines Tier. Es erschien mir in diesem Moment wie ein Bote aus der anderen Welt.

  „Na komm, komm zu mir, lass uns Freunde sein.“ – Ich formte mit der Innenseite meiner rechten Hand einen kleinen Landeplatz und wartete. Das Eichhörnchen kletterte den Baumstamm hinab, sprang zu meinen Füßen, krabbelte an der Jeans und der schwarzen Steppjacke hinauf, bis zu meiner Schulter. Dort hielt es einen Moment inne. Mit einem kleinen Satz erreichte es dann mein Handgelenk, setzte sich auf meine Handfläche und schaute mich an. Ich war erstaunt, wie schwer es war. Ich musste mich direkt darauf konzentrieren, dass mir nicht der Arm absackte. Es schnüffelte ein wenig an meinen Handballen, bevor es mit einem großen Sprung wieder zwischen den Urnengräbern landete. Es war so schnell, dass ich es nicht mit den Augen verfolgen konnte. Und es verschwand irgendwo zwischen den Bepflanzungen.

 

 

(Aus Kapitel Nr. 4: Die Nachricht) …..„Schon gut, ich weiß, was sie meinen.“

  Instinktiv hatte ich den blauen Umschlag geöffnet, ein weißer Briefbogen lag darin. Ich holte ihn heraus und faltete ihn auseinander. Dort stand mit großen, schwarzen Buchstaben, offensichtlich handschriftlich verfasst, nur ein einziges Wort: NANGIJALA

 „NANGIJALA, Frau Albersmeier, sagt ihnen das was?“

  „Es tut mir leid, nein. Es könnte ein Name sein, klinkt irgendwie nordisch in meinen Ohren. Hatte Stella eine Bekannte oder einen Bekannten aus Finnland, Schweden oder so?“

  „Nicht das ich wüsste.  Ein Name?“, ich zuckte mit den Achseln, „es ist zumindest ein Gruß von einem Urheber, dem es offensichtlich egal ist, ob wir, die Familie, das zu ordnen können. Es klingt für mich sehr persönlich.“ Ich erschrak ein wenig bei meinen Worten. Dieses ganz Private, dieses sich nicht erklären müssen, das war doch eigentlich mir vorbehalten, oder nicht? Meine Gedanken sprangen hin und her, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mir auf dieses Wort keinen Reim machen.

  Ich wurde unterbrochen. Frau Albersmeier wollte aufbrechen, sie half mir noch den Tisch abzuräumen und die Küche zu säubern. Meine Spülmaschine war leer. Ich bestand darauf, einfach alles hineinzupacken, so dass zehn Minuten später schon alle Spuren unseres Festessens beseitigt waren.

  „Es war ein wunderschöner Abend Frau Albersmeier, ich weiß gar nicht, wie ich mich bedanken soll. Es hat mir gut getan. Ich möchte diesen Abend als Neuanfang werten. Nur für mich selbst. “ Ich schaute ihr dabei in die Augen, und ich glaube, es liefen mir schon wieder die Tränen an der Wange herunter.

  „Das wäre das schönste Dankeschön, dass sie mir machen können, Pia.  Und eines müssen sie mir noch versprechen: Bitte lassen sie uns solche Abende doch öfter mal machen. Rezepte hab ich noch genug.  Einverstanden?“

  „Einverstanden.“

  Wir gaben uns die Hand, und sie machte sich auf den Heimweg. Ich ging zurück in mein Wohnzimmer, schenkte mir noch ein Glas Rotwein ein und setzte mich mit dieser Botschaft auf mein blaues Ledersofa. Doch plötzlich erfüllte ein Höllenlärm den Raum. Ich fuhr regelrecht zusammen und schaute mit weit aufgerissenen Augen panisch herum. Es dauerte einige Sekunden, bis ich die Quelle des Lärms ausfindig gemacht hatte und vor allem begriffen hatte, was da passierte. Das Telefon läutete! Meine Hand zitterte, als ich den Hörer von der Gabel nahm.

  „Hallo Pia, ich bin es noch mal Frau Albersmeier, ich rufe hier von meinem Autotelefon aus an, ich wollte nur schauen, ob die Leitung jetzt steht. Ist doch prima, gratuliere, sie können wieder telefonieren von zu Hause aus.  Und was noch besser ist, sie sind wieder erreichbar!  Ich werde sofort Ihre Nummer einspeichern!“

  Wir mussten beide lachen. Ich hatte schon lange nicht mehr gelacht, es war ein herrliches Gefühl.

  „Gute Nacht, Pia, bis morgen! Ich wünsche schöne Träume!“ Sie legte auf.

  Es war kurz vor zehn Uhr, ich hatte ein Freizeichen, wählte die Nummer meiner Eltern und lauschte dem Klang des Tut-Tones. Ich wusste, auch sie würden noch wach sein und auf meinen Anruf warten.

 

 

(Aus Kapitel Nr. 5: Die Wohnung) …..ich musste wieder an diese unbekannte Grußnachricht auf Stellas Grab denken. Wenn ich ehrlich bin, war sie mir bereits die ganze Woche nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich konnte es nicht erklären, doch ich spürte deutlich, dass in diesem Wort NANGIJALA weit mehr steckte als nur ein letztes „Good Bye“für meine Stella.

  Auch Mama und Papa fanden keine Lösung für dieses Wort, und sie  hatten auch keine Idee, wer die Karte geschrieben haben konnte. Sie hakten diese Sache aber auch schnell ab und hefteten sie ordnungsbewusst in den Trauerordner. Ich hatte ihn erneut in dieser Woche durchgeblättert, als ich abends bei meinen Eltern vorbeigeschaut hatte. Es waren fast 200 Beileidsbekundungen jeglicher Art und Form. Doch immer wieder stach mir diese eine letzte Karte ins Auge. Sie fiel völlig aus dem Rahmen. Sie  hatte nichts mit all den anderen gemein. Es klebte ein Geheimnis an ihr, und es war meine Aufgabe es zu ergründen. Es gab etwas in Stellas Leben, das mir unbekannt war. Ich konnte es nicht erklären, doch ich spürte es. Ich spürte es so sehr, dass ich nicht darüber hinwegsehen konnte. Wenn ich ehrlich bin war ich auch an diesem Abend mit offenen Augen durch Stellas Heim gelaufen und erflehte mir insgeheim einen kleinen Hinweis auf den Absender. Leider erfolglos.

  Ich füllte noch weiteres warmes Wasser nach. Draußen war es fast schon stockdunkel. Eine angenehme Ruhe breitete sich aus und ließ die Zeit stillstehen. Ich lauschte in mich hinein. Plötzlich vernahm ich ein undefiniertes Geräusch. Ich versuchte mich zu orientieren, es kam von den Dachpfannen. Da war jemand. Etwas war auf dem Dach, ich hörte es ganz deutlich. Ich fing an zu zittern, trotz der Wärme im Wasser. Es gab ein lautes, stumpfes Tock auf dem Dachfenster. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das dunkle Fenster hinauf und traute meinen Augen kaum. Da saß ein Eichhörnchen auf der Scheibe und lugte mich an. Konnte das sein? War das mein kleiner Freund vom Friedhof? Ich hatte ihn seit letztem Sonntag nicht mehr zu Gesicht bekommen. Doch jeden Abend ließ ich meine Haselnüsse zurück, und immer waren sie am nächsten Tag verschwunden.

  „Geh nicht fort, kleiner Freund, geh nicht fort.“ – Es war gar nicht so leicht, Konservation mit einem Eichhörnchen zu betreiben, während man nackt in einer Badewanne liegt. Ich tat es trotzdem und erzählte ihm alles, was gerade hier vorgefallen war.

  Das Tier blieb regungslos auf der Scheibe sitzen. Ich musste weinen.  

  Es schaute meinen Tränen zu, bis es gänzlich von der Dunkelheit verschluckt wurde. Ich hörte nicht mehr, wie es sich aus dem Staub machte.

  Stella hatte mir dieses Eichhörnchen geschickt. Da war ich mir sicher.

 

 

(Aus Kapitel Nr.7: Jan) …..„Hi Jan, entschuldige bitte, dass ich so lange nicht hier war. Ich wollte dir….“

  Ja, was wollte ich eigentlich? Ich konnte nicht weitersprechen.

  „Ist schon gut, Pia, ist schon gut. Sag nichts.“

 Sein Gesicht, offensichtlich durch ein neues Schmerzintervall gepeinigt, verzerrte für einen Moment. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

  „Es tut so weh, es tut so weh“, stammelte er, „sie haben mir mein Bein abgeschnitten. Pia, kannst du dir das vorstellen? Ich habe nur noch ein Bein. Nie wieder laufen, nie wieder  einen Ball schießen, nie wieder Auto und nie wieder Motorradfahren. Es war ein  schönes Bein.“ Er verzog sein Gesicht zu einer fast sarkastischen Grimasse: „Zumindest schön genug für mich….“

  Jan schluchzte, sein Oberkörper bebte, dieser Zustand schien ihm noch mehr Schmerzen zu bereiten. Er stöhnte regelrecht auf. Ich ergriff seine Hand und streichelte sie intuitiv.

  „Pia, du musst mir glauben, ich wollte nicht, dass Stella etwas zustößt. Sie war doch mein ein und alles, Pia, glaubst du mir das? Es war ein schrecklicher Unfall, ich wünschte es hätte diesen Tag gar nicht gegeben! Pia, glaubst du mir, bitte Pia, bitte, bitte…“

  Er stammelte diese Worte nur noch und versuchte sogar seinen Kopf in meine Richtung anzuheben. Es gelang ihm nicht, er schrie laut auf, schlug mit dem Kopf hin und her, die Augen starr vor Entsetzen.

  „Jan, ganz ruhig bitte, bleib ganz ruhig!“

  Ich fürchtete, die Kontrolle über diese Situation zu verlieren. Bei meinem ersten Besuch war Jan sehr wortkarg gewesen. Er hatte fast die ganze Zeit nur stumm vor sich hin geweint. Ich streichelte sein Gesicht, bis sein Atem wieder gleichmäßiger wurde. Er schloss die Augen, als wollte er neue Kräfte sammeln. Nach einer langen Pause schaute er mich wieder an, sagte aber nichts mehr.

  „Jan, ich bin hierhin gekommen,um dich zu fragen ob ich Stella einen Gruß von dir zukommen lassen kann?  Vielleicht etwas Persönliches, ich würde es auf ihren Grabstein legen.“

  „Wie sieht er aus, dieser Grabstein?“

  „Es ist nur eine schlichte Dolomit-Platte. Ihr Name ist dort eingraviert, in einer Ecke das Zeichen für Glaube und Liebe und Hoffnung. Ein Kreuz mit einem Herz und einem Anker verschmolzen.“

  „Das hört sich schön an.“

  „Jan, du musst wieder zu Kräften kommen, dann kannst du selber dort hingehen!  Ich bin mir sicher, dass es Stella freuen wird!“

  „Ich gehe nirgends mehr wohin.“

  Ich musste schlucken und ärgerte mich über meine Wortwahl. Ich ließ aber nicht nach, meinen Gedanken fortzuführen.  

  „Doch, Jan, das wirst du. Es gibt immer neue Wege, die das Leben aufzeigt. Auch du kannst in diese Welt zurückkehren. Du wirst sehen, nutze deine Chancen. Tu es für Stella. Sie hat diese Möglichkeiten nicht mehr. Versprichst du mir das?“

  Er starrte mich hilflos an.

  „Jan, tust du es für Stella, wirst du dieses Bett wieder verlassen, um zu ihrem Grab zu gehen? Wirst du das schaffen, es für Stella schaffen?“

  Er nickte schwach.

 

 

(Aus Kapitel Nr. 12: Das Internetcafe`)

 

joebrandy@web.de

  Die Nachricht lautete:

  „Hi Stella, was ist los? Ich kann dich nicht erreichen! Melde Dich bitte, ich habe im Max auf dich gewartet, bin jetzt aber wieder zu Hause! Gruß Joe!“

  28 Worte. Schlichte Worte. Eine einfache Nachricht, die aber eigentlich alles beinhaltete, was mir seit Tagen durch den Kopf geisterte. Es gab ihn also, diesen anderen Mann.

  Joe, sein Name.

  Ein Ausländer? Vielleicht Engländer, Amerikaner? Ein Spitzname? Wohl kaum, der Nachname Brandy ließ auf ersteres schließen. Er vermisste Stella. Er hatte versucht sie zu erreichen. Vergeblich. Zu dem Zeitpunkt, als er diese Mail verfasst hatte, konnte er sicher noch nicht wissen, dass Stella tot war. Der Unfall hatte sich gegen 18 Uhr ereignet.  

  Selbst meinen Eltern war erst gegen 20.30 Uhr die Todesnachricht überbracht worden.

  Er hatte im MAX auf Stella gewartet.

  Ein Szene-Lokal in Lippstadt. Ich war selber noch nie dort gewesen. Auch hatte es Stella nie mit einem Wort erwähnt. Doch die Art, wie es hier in dieser Mail benutzt  wurde, konnte nur eins bedeuten: Dieser Joe war es gewohnt, dort mit Stella zusammenzukommen.

  Meine Gedanken rotierten in einer Weise, wie ich es nicht beschreiben kann. Mir zitterten wieder die Hände. Ich sagte kein Wort, sondern starrte nur auf diese Sätze.

  Elli brach das Schweigen. Sie sprach das laut aus, was ich gerade gedacht hatte: „Es gibt ihn also, den großen Unbekannten. Joe, klingt doch irgendwie interessant, Pia“, sie lächelte mich an und rieb mir über den Handrücken.  

  „Sollen wir weiterschauen?“

  Ich wusste nicht, was sie meinte, denn es gab ja nur diese eine Nachricht. Doch Elli klickte auf dieser Mail-Seite weiter herum. Am linken Bildrand gab es eine Option Adressbuch. Zwei Mouse-Klicks weiter stöberte Elli schon unter dem Buchstaben B und wurde natürlich auch mit Joe Brandy fündig. Ein weiterer Klick und sein Steckbrief blinkte auf. Dort war aber nichts eingetragen, keine Adresse, keine Telefon-Nummer, keine Handy Nummer. Nur der Geburtstag: 10.08.1968. 30 Jahre alt, zwei Jahre älter als Stella.

  „Jenseits der Dreißig, Pia, da ist man doch fast schon scheintot!“ so frotzelte Stella im vergangenen November, als wir uns zu Peters Dreißigsten aufgemacht hatten. Das war natürlich nur Spaß, und doch waren wir alle an jenem Abend heilfroh, dass es uns noch nicht erwischt hatte.  

  Elli schloss das Adressbuch und wählte eine Option aus mit dem Namen Ordner. Er zeigte 5  Ordnernamen an: Badminton, Kanzlei, Susanne Evers, Web.de und Joe.

Elli stupste mich in die Seite und zeigte mit ihrem Finger auf den Monitor.

  „Mein lieber Scholli, Pia, das Tor zur Wahrheit es ist geöffnet!“ Sie lächelte mich an: „145 Mails mit 86,9 Megabit, das ist ein Abend füllendes Programm, junge Frau.“

 

 

(Aus Kapitel Nr. 13: Mama)…..  Es gab eine Zeit, in der führte ich sogar eine Strichliste, wie oft ich diesen Song angewählt hatte. Hunderte von Strichen kamen da zusammen. Das erinnerte mich selber an diese Bilderwitze, in denen ein Sträfling eine solche Strichliste an seine Zellenwand malt, um die Wartezeit auf Erlösung und Freiheit zu verkürzen. Doch für mich öffneten diese Striche jede Zelle der Welt. Ich konnte durch Wände laufen, jede Barriere hinter mich lassen und einfach davonfliegen. Das war immer wiederkehrend schön. Niemand konnte es mir wegnehmen. Und das alles auf Knopfdruck. Einfach Play drücken und los ging es. Das ist ja das Schöne an der Musik.

  Was man selber beim Hören von Musik – egal welcher Art – empfindet, das gehört einem ganz allein. Dafür muss man sich nirgendwo rechtfertigen, und das kann man jederzeit wieder reproduzieren. Die Gedanken und Gefühle sind frei.

  Irgendwann stimmte allerdings diese Strichliste nicht mehr, und ich habe sie  in einer Art heidnischen Ritual, oben auf dem Haarstrang, nahe den Windrädern, an einem warmen Sommerabend verbrannt. Der Song war allerdings schon für alle Zeit in meiner Seele abgespeichert. Noch heute, wenn ich mit Stella zusammenkommen möchte, lege ich einfach diese CD ein. Ich drücke auf Nangijala und finde sofort wieder Zugang zu meiner Schwester. Ich weiß, sie sitzt dann neben mir an meiner Seite und zusammen lauschen wir dem Song.

  Heute weiß ich auch, dass dieses Lied damals 1998 noch gar nicht veröffentlich worden war. Warum es dann trotzdem in dieser gebrannten Version den Weg auf diese Stella CD gefunden hatte, das ist eine weitere abenteuerliche Geschichte. Sie gehört eigentlich erzählt,  würde aber hier an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Es steht mir auch nicht zu sie zu erzählen. Es ist nicht meine Geschichte. Sie gehört Joe. Und Joe ist ein fantastischer Geschichtenerzähler. Das sollte ich noch lernen.

  Ich hockte also auf meinem Teppichboden, drückte immer wieder die Taste Repeat und saugte jedes Wort und jeden Ton in mich auf. Heute kann ich natürlich den Text komplett auswendig. Bei jedem Wort erinnere ich mich noch immer an diesen Moment zurück. Erinnere mich an die Gänsehaut, die ich bekommen habe, erinnere mich sogar an den Geschmack des Rotweines in meinem Mund. Ich leerte noch die komplette Flasche an jenem Abend, und als ich später dann ins Bett ging, hatte ich diese CD noch immer in meiner Hand. Ich schob sie unter mein Kopfkissen. Ganz so wie ich es früher mit meinem englischen Vokabelheft gemacht hatte, in der Hoffnung, die Vokabeln mögen sich über Nacht in meinem Hirn verfestigen. Ich weiß nicht, ob es mir irgendjemand überhaupt glauben kann. Aber ich schwöre, ich habe nicht geweint, als ich diesen Song hörte, diesen  Worten lauschte. Ich schreibe sie jetzt  hier auf.  Bilden Sie sich selbst ein Urteil (was  man immer tun sollte):

NANGIJALA 

 

 

(Aus Kapitel Nr. 19: Das Konzert)….. Plötzlich erhob sich – immer noch unter dem lauten Jubel der Masse –eine vierte Person. Er musste für diese ersten Augenblicke vorne vor der Menge, am Bühnenrand, sitzen geblieben sein. So war er fast für alle unsichtbar geblieben. Da stand er nun, und es war klar, wer es war.

  Joe Brandy.

  Ich kann nicht mehr genau erklären, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, diese Erinnerung hat sich verklärt, ganz klar. Im ersten Moment irritierte und verunsicherte er mich. Ich glaube, er entsprach absolut nicht meiner Erwartungshaltung. Joe trug eine Art  Kurzmantel. Auf Taille geschnitten, dunkelblau mit versteckter Knopfleiste,  darunter eine rot-grau gestreifte Stoffhose, dazu schwarze knöchelhohe Schnürschuhe.  Mit der rechten Hand hielt er eine  E-Gitarre, besser gesagt, er drückte sie hinter seinen Rücken. Er spielte also noch nicht.  Noch immer war der Sound der Akustikgitarristin der einzig vernehmbare Beat. Die linke Hand hielt das Gesangsmikrofon am Ständer fest. Es war eines dieser altmodischen, kastenformartigen Mikrofone, wie man sie aus alten Filmen kennt. Seine Haare waren halblang. Dunkelblonde Haare. Mit einem für meine Gewohnheiten ziemlich ungewöhnlichen Haarschnitt. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Seinen Kopf zierte tatsächlich ein so genannter Pilzkopf-Haarschnitt, wo fast das gesamte Deckhaar auf einer Länge geschnitten ist. Wie die Beatles auf alten Fotografien. Irgendwie sah das gewöhnungsbedürftig aus, aber nicht altmodisch.

  Auch er beugte den Kopf  nach unten, hielt die Augen geschlossen und wippte leicht – wie in Trance – mit dem Oberkörper im Takt des Gitarrenschlags. Er machte einen absolut dürren und hageren  Gesamteindruck. An seinen dünnen Fingern seiner linken Hand trug er einen silbernen Siegelring, den ich nicht  weiter genau erkennen konnte. Erst jetzt wurde mir noch mal bewusst, wie glasklar der Sound   in diesem kleinen Raum  war. Normalerweise schreibt man: Der Mixer hatte gute Arbeit geleistet. Doch ein Mixer war weit und breit nicht zu entdecken. Meine Blicke blieben an Joe Brandy kleben. Alle Blicke blieben an ihm  kleben. Er füllte den Raum aus. Die Aura dieser  hageren Gestalt füllte das MAX bis in die hintersten Winkel. Und das, obwohl er noch gar nichts gemacht hatte. Dann endlich hob er den Kopf und fing an zu singen. Er sang den John Lennon Klassiker Working Class Hero…….  Er hatte eine wunderschöne, kräftige, glasklare Stimme. Sie war so einnehmend, das hatte ich nicht für möglich gehalten. Er sang fast akzentfrei, meine Vermutung auf Ausländer, Engländer oder Amerikaner bestätigte sich in dem Moment….

 

…….. Der Jubel brach nicht ab. Jetzt setzte Joe sich an das Piano und begann zu spielen. Er improvisierte auf den Tasten – eine kleine leise Melodie. Das Auditorium verstummte, die Bühne tauchte sich in dunkelrotes Licht, und nur ein kleiner Spot strahlte weiß in sein Gesicht. Mit stockender Stimme fing er an zu sprechen: „Ich habe mein ganzes Leben auf einen Menschen gewartet...einen Menschen, den ich bedingungslos lieben kann...ich wusste immer...irgendwann würde er kommen...und ich war so glücklich, als ich ihn gefunden hatte...er hat mein Leben verändert.“

  Er machte immer längere Pausen zwischen den Sätzen, doch niemand forderte mehr, das Publikum hielt den Atem an.

„...und doch musste ich diesen Menschen wieder gehen lassen...ich weiß, dass sie es sich gewünscht hat...dass ich trotzdem heute hier spiele...und ich weiß, dass dieser Abend für sie ein schöner Abend gewesen ist...und ich weiß sie war heute bei uns ...auch wenn sie nicht mehr mitklatschen darf...sie hätte es verdient gehabt, heute hier klatschen zu dürfen, doch er hat es ihr  nicht gegönnt...warum weiß ich nicht...ich werde ihn danach fragen, wenn es soweit ist ...ich bin mir sicher, er wird es mir nicht erklären können...ich glaube fest an ein Wiedersehen.“ Seine Stimme verlor zitternd die Kontrolle bei diesen Worten, er schien kurz davor zu sein, den Kampf gegen die Beherrschung zu verlieren. Eine ganze Zeit spielte er nur weiter auf dem Piano, die Leute spürten, dass dieses Konzert zu kippen drohte, und doch fuhr er fort: „Ich hoffe, dass  John heute bei ihr sitzt...Stella das hier ist für Dich!“

  Die Melodie veränderte sich, ich kannte sie und wusste was jetzt kam.

  Joe Brandy saß an diesem E-Piano und spielte: NANGIJALA

 

(Aus Kapitel Nr. 26: Das Arbeitsessen) …..ich ging die Erwitter Straße runter in Richtung Innenstadt. So kurz vor den Bahnschienen am Südertor wollte ich dann schon mal die Straßenseite wechseln. Ich stand da und ließ die Autos passieren. Wegen des Übergangs fuhren sie alle sehr langsam an dieser Stelle. Da rollte ein Bus an mir vorbei.“

  Er stockte an dieser Stelle und suchte wieder die Kerzenflamme. Ich sagte aber nichts, sondern wartete einfach.

  „Weißt du, es klingt verrückt, doch ich schwöre dir“, er schluckte noch mal, „Stella hat in diesem Bus gesessen! Sie schaute mich an und drückte eine Hand an die Scheibe, als wenn sie mich berühren wollte. Ich winkte ihr zu und lächelte. Mein Gedanke im ersten Moment: Warum ist sie nicht mit ihrem Auto gefahren? Aber das war mir ja total egal. Ich freute mich einfach! Freute mich, dass sie schon auf den Weg zu unserer Verabredung war. Und ich habe fürchterlich gefroren in dem Moment. Ich dachte noch, hoffentlich schlägt das Aspirin gleich an.    Als ich dann im MAX saß und auf sie wartete, konnte ich das gar nicht begreifen. Nicht begreifen, dass sie nicht auftauchte. Ich habe mir das Hirn zermartert, warum sie nicht kam. Wo konnte sie nur geblieben sein? Ich fand keine Erklärung dafür. Sehr viel später habe ich erst erfahren, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon tot war. Tot an einer Leitplanke am Möhnesee lag.  Weißt du, was ich damit sagen will? Stella ist noch mal zu mir gekommen. Vielleicht um mich noch einmal zusehen, um sich zu verabschieden. Ich weiß es nicht genau. Als ich neulich von dir erfahren habe, glaubte ich für einen Moment, das eventuell du in diesem Bus gesessen haben könntest.     Doch als wir uns dann zum ersten Mal auf dem Friedhof wirklich begegnet sind, war mir sofort klar: Es war nicht so. Stella hat in diesem Bus gesessen. Diese Geschichte ist wahr. Sie ist wirklich so passiert. Sie beantwortet für mich eindeutig die Frage nach dem Leben nach dem Tod. Wenn das Herz aufhört zu schlagen, ist es noch nicht vorbei. Ich weiß es nun. Ein Irrtum ist für mich ausgeschlossen. Stella ist noch mal zu mir gekommen.“

Er beugte sich langsam nach vorne zu mir hin und fuhr fort: „Und ich habe danach nicht mehr gefroren an jenem Abend, und bin auch nicht krank geworden. Ich glaube fest, dass ich Stellas Tod gespürt habe  – in jenem Moment, als er losging, um sie zu holen. Und es gibt noch etwas, was ich dir erzählen muss, etwas was Stella zu mir gesagt hat bei unserem letzten Beisammensein. Weißt du, was die letzten Worte waren, die Stella zu mir gesagt hat? Die letzten Worte, die sie aussprach, als sie von mir wegging vor ihrem Tod? Ich bin heute hierhergekommen um dir genau das zu erzählen! Sie sagte…..“

  „Warte, warte, bitte, es reicht, es reicht, sorry, ich muss das erst einmal verarbeiten, bitte sprech jetzt nicht weiter.“

  Ich zitterte am ganzen Körper. Stella hatte ihn aufgesucht nach ihrem Tod. Nicht mich.

 

(Aus Kapitel Nr. 27: Schneeflocken)…..  „Es wird Zeit aufzubrechen, Pia, das Blues-Mobil hat zum Glück auch neue Winterreifen“, kündigte Joe an.

  „Warte noch einen Moment, Joe“, forderte ich ihn auf, „komm her zu mir!“ Ich packte ihn an die Hand und zog ihn noch ein paar Meter weiter, wieder zu dem geteerten Beginn des Wanderweges hin. Von dort aus konnten wir, angestrahlt durch die Scheinwerfer seines gestarteten Autos, einen letzten Blick auf den friedlich daliegenden, dunkel schimmernden See werfen.

  „Darf ich?“ fragte ich Joe. Ohne eine Antwort abzuwarten, zog ich ihm seine Mütze vom Kopf, öffnete seinen Schal und zu seinem Erstaunen, machte  ich das Gleiche mit mir selbst: „Schau nach oben Joe, schau einfach nach oben, lass den Schnee auf dein Gesicht fallen, bitte!“

  Wir standen vor einander und schauten lange in den Himmel hinein. Die weiße Pracht sprenkelte in unsere Gesichter, und die Flocken blieben in unseren Haaren kleben. Er war ein sehr großes Gefühl.

 

  „Ich helfe dir, Liebes, ich kann das tun. Ich werde dir meine Liebe schicken, sie wird auf dich herabfallen. Du musst dein Gesicht befreien und es zulassen. Lass sie auf dein Gesicht fallen.  Es wird dir gut tun und du wirst wissen, was du damit machen kannst. Die Liebe füllt dein Herz, du wirst mich dann nicht mehr vermissen.“                        

 (Stella Grünwald)

 

  Wir brachen auf.

  Vor uns lag ein bezauberndes Bistro in Meschede. Es lockte uns mit warmer Schokolade. Vor uns lag ein ebenso bezauberndes, italienisches Restaurant in Warstein, mit der leckersten Pasta, die ich je in meinem ganzen Leben gegessen habe. Vor uns lag eine bezaubernde Musik-Exkursion in der bezaubernden Blues-Mobil- Atmosphäre – auf warmen Ledersitzen.

 

 

(Aus Kapitel Nr. 39: Die Rückkehr zum See)…..  „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Ich zuckte zusammen. Die Frau stand direkt neben meiner Bank und schaute auf mich hinab. Gern hätte ich ihre Augen beobachtet, aber die Sonnenbrille ließ das nicht zu.

  „Ja, bitte, nehmen sie Platz“, antwortete ich ihr. In der Hand trug sie auch ein Kännchen Kaffee und dieses letzte Stück Erdbeerboden.    Sie goss sich den Kaffee ein und fing an das erste Stück des Bodens mit einer kleinen goldenen Kuchengabel abzustechen.

  Sie war mir vertraut. Diese Frau war der Schlüssel zum Nangijala. Ich wusste nur nicht, wie ich ihn benutzen konnte.

  Ich wollte keine Zeit mehr verlieren und sprach sie direkt an.

  „Warum sind sie hier? Hat Stella sie zu mir geschickt?“

  „Ja.“ – Sie antwortete mir mit klarer, dunkler Stimme. Ich hakte nach: „Warum ist sie nicht selber gekommen?“

  „Ihre Zeit war geschlossen.“

  „Was bedeutet das?“

  „Sie ist kein Feldspringer.“

  „Feldspringer? Was ist ein Feldspringer? Sind sie ein Feldspringer? Können Sie immer kommen?“

  „Ja, immer wenn ich gerufen werde. Immer wenn mich jemand losschickt.“

  „Ich habe sie nicht gerufen!“ fuhr es mir heraus.

  „Doch das haben sie, ihre Seele hat mich gerufen.“

  „Meine Seele hat nach Stella gerufen! Nach Stella, verstehen Sie?“

  „Ich verstehe alles was sie sagen und fühlen.“

  Die Frau nahm einen Schluck Kaffee und beschäftigte sich dann weiter mit ihrem Kuchenstück. Ich war völlig durcheinander geraten. Diese kurzen Sätze, ihre Antworten, sie waren so heftig und direkt, tausende weitere Fragen schwirrten durch die Luft und drangen in meinen Kopf.       

 Feldspringer – Zeit geschlossen- rufen –schicken –Seele.

  Wenn Stella diese Frau wirklich zu mir geschickt hatte, dann warum? Was war ihre Botschaft für mich? Oder hatte sie gar keine Botschaft? Gab es nichts, was Stella mir mitteilen wollte? Es wäre alles so viel einfacher gewesen, wenn ich Stella selbst noch einmal hätte treffen können.

 

 

(Aus Kapitel Nr. 43: Neuwerk)…. 

 

Dieser Moment

Gäbe es nur diese eine Minute

Diesen Moment für uns Zwei

Wäre alles andere vergänglich

Es wär mir trotzdem einerlei

Ich würd entschlossen ihn beschwören

Ihn fordern für uns nur reserviert

Die Erinnerung wäre größer

Selbst wenn man alles sonst verliert

Mit dem Wind kommen die Töne

Vom Horizont für uns geweht

Kann mit ihnen alles wieder fühlen

Selbst wenn die Richtung längst gedreht

Kann lustvoll uns ausmalen

Auch wenn ich nichts festhalten kann

Müsste allein zurück ich wieder leiden

Käme vielleicht ich niemals wieder dran

(Text: Joe Brandy)

 

Vogelkäfig – schoss es mir durch den Kopf, das sieht aus wie ein Vogelkäfig. Auf einem circa drei Meter hohen Stahlträger war wirklich eine Art Käfig aufgeschweißt, in dem bis zu fünf Menschen Platz finden konnten. Durch eine ebenfalls fest montierte Leiter konnten Hilfesuchende an dem Träger hinauf klettern und durch eine Luke sein Inneres erreichen. Als letzte Zuflucht vor den nahenden Wassermassen – der Flut. Ein sicheres Rettungspodest für  verirrte Wattläufer. Menschen, die orientierungslos geworden, von den einlaufenden Fluten überrascht, deren Weg abgeschnitten und für die keine Zeit mehr blieb, das sichere Festland oder die Insel Neuwerk zu erreichen. Eine Rettungsinsel. Eine moderne Rettungsinsel. Geschaffen von Menschen für Menschen, selbstlos und uneigennützig. In diesem Vogelkäfig gab es ein Funkgerät. Man konnte von dort aus einen Notruf aussenden. Ein Notruf, der auf alle Fälle gehört werden würde und der Hilfesuchende vor dem Tod bewahren konnte.

 

 

(Aus Kapitel Nr. 46: NANGIJALA)…..  Liebe ist das Elixier, welches das Gefüge im NANGIJALA zusammenhält.

 Im NANGIJALA kann man das Geschehene akzeptieren. Vielleicht weil man dort endgültig erfüllt wird, von allem Sein, von aller Liebe. Mehr als das, was man fassen kann. Für Hass ist dort kein Platz, kein Ort für Schmerz, keine Nische, um traurig zu sein. Die vollkommene Erfüllung, die man dort erfährt, öffnet die Seele. Befreit sie.

  So ist es.